23. November 2011 - Pressemitteilung 57/11
Der Werdenfelser Weg
Der Werdenfelser Weg - ein wichtiger Schritt zur Fixierungsvermeidung - jetzt auch für München -
Derzeit werden jedes Jahr über 98 000 freiheitsentziehende Maßnahmen in bundesdeutschen Pflegeheimen angewendet, ca. 5-10% der Heimbewohner werden mit Gurten fixiert. Berücksichtigt man auch andere Formen von Bewegungseinschränkung (z.B. Bettgitter), sind sogar 25-41% der in Einrichtungen Betreuten betroffen, z.T. mehr als 8 Stunden pro Tag.
Fixierungen führen täglich zu physischen und psychischen Folgeleiden, im Extremfall sogar zu Todesfällen.
Im Zuständigkeitsbereich des Amtsgerichts München (Stadt und Landkreis München) befinden sich 58 Senioren- und Pflegeheime bzw. 34 Altenheime. In diesen Heimen wurden 2010 an etwa 18 % der Bewohner freiheitsentziehende Maßnahmen durchgeführt, d.h. an etwa 2.070 Personen (bei einer Belegzahl von 10.150 Heimbewohnern).
In der Regel handelt es sich hier um Bettgitter an beiden Bettseiten, Bauchgurte im Bett, Vorsatztische an Roll- bzw. Pflegestühlen sowie Gurte an Roll- bzw. Pflegestühlen. Aber auch Fixierungen der Hände oder Füße werden noch –wenn auch selten– durchgeführt.
Die Gesamtzahl der angewendeten Maßnahmen innerhalb der Landeshauptstadt München ist bereits deutlich niedriger als im übrigen Bundesgebiet. Dennoch möchte das Betreuungsgericht des Amtsgerichts München sich mit dieser Situation nicht zufrieden geben.
Die Stadt und der Landkreis München haben in dieser Frage schon einmal eine Vorreiterrolle übernommen. Am 22.04.2010 fand die 60. Münchner Pflegekonferenz statt. Dabei einigten sich sämtliche Teilnehmer darauf, den aktuell vorhandenen Mittelwert von 18% (= Anzahl von freiheitsentziehenden Maßnahmen in den stationären Einrichtungen der Altenhilfe in der Landeshauptstadt München) in den nächsten Jahren auf unter 10% senken zu wollen.
Stadt und Landkreis München unter Federführung des Amtsgerichts München gehen nun einen Schritt weiter. Durch eine Veränderung der Verfahrensabläufe von Genehmigungsverfahren soll Fixierungsautomatismen der Kampf angesagt werden.
Nicht so sicher wie möglich, sondern so qualitätsvoll wie möglich, soll das Ziel sein. Dazu dient der Werdenfelser Weg.
Das in Garmisch-Partenkirchen entwickelte Projekt macht mittlerweile deutschlandweit Schule. 20 Landkreise bzw. Städte bundesweit haben innerhalb des letzten Jahres ihre Arbeitsweise dem Modell angeglichen. Die bayerische Justizministerin setzt sich für dieses Projekt bayern- und bundesweit ein.
Was ist anders?
Spezialisierte Verfahrenspfleger mit beruflicher Pflegeerfahrung werden bei Eingang eines Fixierungsantrags beim Betreuungsgericht durch dieses als Sprecher für den Betroffenen bestellt.
Die Katholische Stiftungsfachhochschule bietet zur Schulung Interessierter erstmals ab Ende Oktober 2011, dann fortlaufend halbjährig, eine Fortbildung an. Das Amtsgericht selbst hat mit Unterstützung der Betreuungsbehörden von Stadt und Landkreis bereits einige Teilnehmer gewinnen können. Etwa 10 Personen werden zur Verfügung stehen.
Diese Verfahrenspfleger verfügen sowohl über pflegefachliches als auch juristisches Wissen. Sie können daher mit den Pflegeverantwortlichen in der Einrichtung auf Augenhöhe diskutieren. Sie überlegen als Fürsprecher der Betroffenen gemeinsam mit dem Heim und den Angehörigen Alternativen zur Fixierung und erproben diese.
Sie erarbeiten vor Ort mit dem Betroffenen und den Angehörigen sowie dem bereits bestehenden Team (Therapeuten, Krankengymnasten, Pflegekräften) Maßnahmen, die neben höchstmöglicher Sicherheit auch Bewegungsfreiheit und Lebensqualität bieten. Sie suchen dabei auch gemeinsam mit ihnen nach Gründen, die den Betroffenen in die Fixierungssituation gebracht haben.
Ziel ist es, im konkreten Einzelfall das Verletzungsrisiko bei einem Sturz einerseits sowie die Folgen einer Fixierung andererseits einzuschätzen und gegeneinander abzuwägen.
Dabei sollen neben den Sicherheitsaspekten auch die oft nicht ausreichend beachteten sonstigen Konsequenzen einbezogen werden. Dazu gehören der mit einer Fixierung häufig verbundene Verlust an Lebensqualität und die daraus resultierenden physischen und psychischen Verschlechterungen bis hin zu Tötungsrisiken.
Monatelange dauerhafte Fixierungen im Bett oder Stuhl setzen häufig eine gewichtige Ursache dafür, dass das Gesamtbild des körperlichen und psychischen Zustands sich erheblich verschlechtert (Muskelabbau, Inkontinenz, Ängste, Liegegeschwüre, Lungenentzündung) und sind in Einzelfällen auch kausal für Todesfälle.
Der Verfahrenspfleger wird abschließend eine in der Regel mit den Pflegeverantwortlichen und Angehörigen gemeinsam erarbeitete pflegefachliche Empfehlung abgeben, die die Grundlage der betreuungsrichterlichen Entscheidung bildet.
Wir hoffen damit, die in den Einrichtungen vorhandene Kreativität und das Einfühlungsvermögen der einzelnen Pflegekräfte für den Einzelfall zu fördern. Die bestehenden und auch nachvollziehbaren Ängste vor Haftungsrisiken sollen nicht mehr länger wesentliche Entscheidungsfaktoren sein. Eine der Grundängste der Heimbetreiber und Pflegeverantwortlichen wird dabei ernst genommen: nämlich, dass eine zunächst gewissenhafte Abwägung Monate später nach einem Sturzereignis rückblickend als unverantwortlich dargestellt wird.
Erfahrungen aus anderen Landkreisen mit dem Werdenfelser Weg zeigen, dass er dort zu einem Synonym für professionsübergreifende Ansätze zur Fixierungsreduzierung geworden ist.
Gerhard Zierl, Präsident des Amtsgerichts München, hierzu: „Ich bin mir bewusst, dass bei der Fülle der Heime, der Pflegekräfte, der Auflösung des Generationenvertrags im Familienverbund, dies, anders als in kleineren Amtsgerichtsbezirken eine enorme Herausforderung darstellt. Ich bin jedoch zuversichtlich, gute Ergebnisse zu erzielen. Menschen in ihren Freiheitsrechten zu achten und sie zu schützen gehört zu den grundlegenden menschenrechtlichen Verpflichtungen unserer Gesellschaft.
Das Amtsgericht München wird daher mit der Betreuungsbehörden und der Heimaufsicht in Stadt und Landkreis München den Werdenfelser Weg im gemeinsamen Zuständigkeitsbereich einführen.“

